Montag, 15. Oktober 2012

Idealbefund

Wie üblich war ich am Dienstag wieder viel zu früh in der Klinik. 8:00 Uhr heißt bei mir Minimum 7:30. Länger würde ich  gar nicht aushalten. Dieses Mal war ich wieder bei Mr. T. Er checkte die Eibläschen-Lage und meinte, dass ich auf alle Fälle am Donnerstag zur Punktion kommen könnte. Ich war so glücklich in jenem Moment. Jetzt wollte ich (unsicher wie ich nun mal war) aber noch wissen, wie der Stand der Dinge sei. Ist alles im Normalbereich, sind die Bläschen mengenmäßig im Normbereich und und und.

„Ich will ihnen nicht zu viel versprechen, aber sie haben einen Idealbefund. Die Geschwindigkeit des Wachstums passt, die Menge ist normal, also wirklich ein Idealbefund.“

Das war ja mal was. Zufriedener hätte ich die Klinik nicht verlassen können. Ich war ganz außer mir. Am Donnerstag war es nun soweit. Am selben Abend sollte ich mir noch die Auslöser- bzw. Reifungsspritze setzen, einmal zu Mittag noch das Nasenspray und das war es mit der Hormonbehandlung.
Wir konnten also „ernten“.

Umgehend habe ich Hasi informiert, der sich hörbar freute angesichts dieser Vorstellung. Er musste sich dann noch in Wien ein Antibiothikum besorgen und die nächsten zwei Tage einnehmen. Das Problem war nur, dass ich das Rezept hatte. Also schickte ich ihn mal zur nächsten Apotheke, gab ihm die Nummer der IVF Abteilung durch. Er stellte dann sozusagen eine Verbindung zwischen Apotheke und IVF her, um telefonisch das Rezept bestätigt zu bekommen. War gar nicht so einfach, aber es hat funktioniert.

Stimmung: völlig aufgekratzt

Eibläschen-Check 2

Die Tage bis Sonntag vergingen wie im Flug. Im Spritzen hatte ich mittlerweile Weltmeister-Qualifikation erreicht. Ging rein wie ein heißes Messer durch Butter. (entschuldigt den Vergleich)

Nebenwirkungen machten sich auch bereits bemerkbar. Ich konnte nicht mehr durchschlafen und hatte immer noch gelegentlich Hitzewallungen. Hasi lehnte sich ziemlich weit aus dem Fenster, als er feststellte, dass auch starke Stimmungsschwankungen auf die Liste gehören würden. Aber am schlimmsten für mich war mein Unterleib. Das bekannte Zitat "ich habe eine Wassermelone getragen" von Baby (der Hauptdarstellerin aus Dirty Dancing) kann ich mit Leichtigkeit übertrumpfen. Denn ich trage zwei mit mir herum. Zwei Wassermelonen in Form meiner Eierstöcke. Es ist kaum auszuhalten. Aber wie so vieles verdrängte ich es einfach. Das war ja schließlich unser geringstes Problem.

Dieses Mal untersuchte mich wieder Mr. M. Hasi blieb im Warteraum sitzen. Ihm ist es immer sehr unangenehm bei meinen Untersuchungen anwesend zu sein. Wenn sich das Ultraschallgerät irgendwann mal auf meinem Bauch befindet, dann schafft er es vielleicht mal, dass er zumindest im selben Raum bleiben kann.

Und dieses Mal konnten wir die Eibläschen bereits schön am Monitor bewundern. Toll. Wir zählten elf. Elf! Nur elf Eibläschen hieß nicht zwangsmäßig elf Eizellen. Es konnten sich auch manche bei der baldigen Punktion als Seifenblasen herausstellen. Wir waren aber der Meinung, dass bei elf sicher einige Eizellen dabei sein würden. Das reimten wir gutgläubigen Naivlinge uns einfach mal so zusammen.

Die Anweisung von Mr. M kam prompt.
"Spritzen Sie bitte noch bis Dienstag weiter. Am Dienstag kommen Sie wieder. Da müssten die Eibläschen bereit für die Reifungsspritze sein. Sieht gut aus."

Ok. Noch 2 Tage. Das war absolut zum Aushalten. Reifungsspritze am Dienstag würde bedeuten, dass ich die Punktion (Eizellenentnahme) am Donnerstag hätte.

Ich weiß, das könnte ich mir jetzt getrost sparen, aber:

Stimmung: überglücklich

Eibläschen-Check 1 oder Versteckenspielen für Fortgeschrittene

Am siebten Hormontag war es dann soweit. Ein Termin bei Mr. T sollte Aufschluss darüber geben, wie viele Eibläschen sich in meinen Eierstöcken gebildet hätten. Mit einem Blutdruck jenseits von Gut und Böse wartete ich also (dieses Mal ohne Hasi) im Warteraum. Die Blutabnahme war sowieso schon Routine. Nur dieses Mal bat ich die Schwester um eine neue Einstichstelle, denn meine rechte Armbeuge (die gute Seite zum Blutabnehmen bei mir) glich schon einem Nadelkissen und war somit auch schon ziemlich schmerzhaft.

Mr. T rief mich zu sich.
"Wie geht es Ihnen?"
"Ja danke, kann mich nicht beschweren. Aber ich mache mir etwas Sorgen. Mir war gestern ziemlich übel und da habe ich nachgelesen. Ich habe da etwas von Überstimulation gelesen."
"Na, das sehen wir uns jetzt mal an".

Dann startete er seine Ultraschall-Besichtigungstour. Es ist wahrlich faszinierend, wie sich meine Stimmung binnen Sekunden verändern kann. In den folgenden wenigen Sekunden bewegte sich mein Stimmungslevel von einer vorfreudigen, optimistischen Zehn auf eine erschütterte Eins wieder empor zu einer unsicheren, aber nicht unbedingt negativen Sechs.
"Schauen wir mal nach."  (zehn)
"Also ehrlich, ich weiß nicht was ihre Eierstöcke mit den Hormonen machen. Das sieht nicht nach viel aus" (eins)

"Ach hier. Die haben sich aber gut versteckt. Wie viele es werden, kann ich noch nicht sagen, die sind noch so klitzeklein. Auf alle Fälle noch weiterspritzen" (sechs)

Meine Damen und Herren! Willkommen auf der Gefühls-Achterbahn. Schnallen Sie sich an, halten Sie sich fest und behalten Sie Ihr Mittagessen bei sich. Es wird eine turbulente Fahrt.

"Ihre Sorge ist übrigens unbegründet. Von einer Überstimulation sind wir in Ihrem Fall weit entfernt. Kommen Sie am Sonntag wieder her. Bis dahin spritzen sie noch brav weiter und auch das Nasenspray bleibt noch ihr täglicher Begleiter. Dann müsste man schon mehr sehen."

Sonntag also. So weit, so gut. War jetzt nicht übermäßig positiv, aber (und das ist noch viel wichtiger) auch nicht negativ. Mehr so ein Mittelding. Fifty-fifty.

Wir (Hasi und ich) stuften diesen Termin nach telefonischer Absprache unter gut gelaufen ein. Wir waren uns relativ schnell einig. Könnte ja immerhin schlimmer sein. Ich spritze einfach bis Sonntag weiter und hoffe, dass Mr. T dann schon aussagekräftigere Prognosen abliefern kann.

Stimmung: eine Gradwanderung zwischen Hoffnung und Enttäuschung mit Tendenz zur Hoffnung

Hormone in rauen Mengen

Das erste Mal verabreichte mir meine Schwägerin die Spritze. Ich schaffte es einfach nicht. Mein Gott, wie zimperlich kann ein Mensch sein? Ich legte es darauf an, (wenn ich Kirstie Alley zum Thema Geburt zitieren darf) etwas, das so groß ist wie eine Melone durch etwas von der Größe einer Zitrone zu drücken. Und dann schlotterten mir die Knie vor einer klitzekleinen Spritze. Das konnte nicht sein!

Deswegen versuchte ich es am zweiten Tag selbst.

Ich stellte fest: zum Spritzen verabreichen hatte ich das Talent einer nassen Karotte. Ich stach und stach und stach. Das Problem war, dass ich nur stach, nie das Serum rein drückte. Da bekam ich dann immer Panik. Das Ergebnis war ein mit Blutpünktchen bedeckter Bauch. Mein persönliches "Malen nach Zahlen". Beim geschätzten 200sten Versuch gelang es mir dann doch noch. Es war vollbracht. Meine erste selbst verabreichte Spritze. Nur beim Rausziehen schaffte ich es dann auf unerklärliche Weise, mir noch meinen Bauch aufzukratzen. Wieder Blut. Aber es vermischte sich mit dem Geschmack von Stolz.

Am nächsten Tag gelang es mir, beim Rausziehen der Nadel eine kleine dünne Blutfontäne zu erschaffen, bei der Hasi fast wegkippte, als er sie sah. Keine Ahnung, was ich da angestochen hatte. Ging auf jeden Fall auch vorbei.

Das waren im Großen und Ganzen die Highlights meiner Selbstverstümmelung.

Am Mittwoch Nachmittag (am sechsten Spritzentag) war mir den ganzen Tag über dermaßen schlecht, dass ich mich nur in Toilettennähe aufhielt. Dann bekam ich auch noch Hitzewallungen hinzu. Seit diesem Tag lache ich nicht mehr über Wechselbeschwerden meiner Mutter, denn jetzt kann ich mir vorstellen wie sich das anfühlt. Grausam. Und dadurch kam er natürlich wieder durch: mein Informationstrieb.

Ja beschimpft mich und schüttelt den Kopf angesichts so viel Dummheit. Aber ich lese nicht nur gerne und in rauen Mengen sinnlose Internetseiten auf biegen und brechen, ich bin auch eine notorische Beipackzettellleserin. Und was habe ich davon? Richtig. Ein ungutes Gefühl, verbunden mit Ängsten und Sorgen vor dem morgigen Termin. Denn morgen würden zum ersten Mal meine Eibläschen kontrolliert werden, die ich mir ja durch die Spritzen heranzüchtete. Und als ich im Beipackzettel Dinge wie "Überstimulation der Eierstöcke" oder "Ziehen im Unterleib und Übelkeit" las, war ich natürlich wieder fertig mit den Nerven. Denn das würde bedeuten, dass wir abbrechen müssten. Alles abbrechen. Also: Gehirn auf Stand-By-Modus stellen und versuchen zu schlafen. Aber das war leichter gesagt als getan.

Hoch lebe der 1.Oktober

Ich nahm jetzt also seit gut 2 Wochen meinen Eigenhormonvernichtungsspray. Am 1. Oktober hatten wir unseren nächsten Termin. Meine Voraussagen für diesen Termin hielten sich in Grenzen. Aufgrund der letzten paar Male erhoffte ich mir nicht viel davon. Im Gegenteil, ich war schon froh, wenn nicht wieder irgendetwas Niederschmetterndes passieren würde und wir nicht zum wiederholten Mal mit Mundwinkeln bis zum Bauchnabel die Klinik verlassen würden. Mir würde wohl Blut abgenommen werden, um zu checken, ob meine Hirnanhangdrüse auch wirklich nichts selbstständig produziert hatte.

So war es dann auch.

Wir fuhren also wieder in unsere mittlerweile zweite Heimat und gingen wieder in die IVF. Kurze Zeit später floss wieder Blut in ein Röhrchen mit meinem Namen. Zu meiner Genugtuung musste auch Hasi dieses Mal Blut abgeben. Dann gingen wir zu Mr. T. In meinem Kopf wusste ich ja bereits, was jetzt noch kommen würde. Kurzes Gespräch, neuen Termin und ab nach Hause.

Und dann kam doch alles anders.

Mr. T sagte: “Hatten sie schon einmal eine Stimulation?“ Das wunderte mich schon ein wenig, denn meine Stimulation wäre nach meinen Berechnungen erst Ende Oktober, also warum jetzt diese Frage? Ich verneinte. Dann wollte er mich untersuchen. Über die Untersuchung freute ich mich, denn ich wollte sowieso wissen, ob ich durch den Spray Zysten bekommen hatte. Und dann sagte mir Mr. T etwas, was ich gar nicht glauben konnte. Er sagte: „Keine Zysten, alles in Ordnung.“ Wow. Coole Sache. Zysten hätten nämlich alles gestoppt.
Zysten = kein Hormonstart.
Kein Hormonstart = negative Nachrichten.
Negative Nachrichten = deprimierte Sandra.
Deprimierte Sandra = deprimiertes Hasi. Usw. Usf.

Aber wie ich bereits erwähnt habe, hatte ich ja keine Zysten. Und dann sagte Mr. T noch etwas, das mich aus den Socken haute:
Er meinte: „Sie können sich dann heute um 13:30 Uhr telefonisch melden und ihre Blutwerte erfragen.“
„OK, werde ich machen“, antwortete ich und wollte mir bereits meine Jacke anziehen. Mit der Info über die nichtvorhandenen Zysten hatte ich Freude genug. So, ab nach Hause. Dieser Termin war eindeutig gut verlaufen. Aber es ging noch weiter. „Und wenn ihre Blutwerte in Ordnung sind, dann können sie heute noch mit den Hormonspritzen beginnen.“

„Wie?“
„Ja, sie können beginnen.“
„Heute?“
„Ja heute.“
„Ehrlich?“
„Ja ehrlich.“

Wir starrten uns an. Wir waren sprachlos und konnten es kaum glauben. Hatten wir ernsthaft heute ausschließlich positive Nachrichten erhalten? Das bedeutete ja, dass endlich mal etwas passierte. Kein Vertrösten auf den nächsten Monat. Keine weiteren körperlichen Gebrechen waren aufgetaucht. Kein endloses Warten auf den nächsten Termin, an dem wieder nichts Aufregendes passieren würde. Nein. Wir begannen also mit den Hormonen. Hätte ich keine Ohren, hätte ich rundum gelacht. Ich strahlte regelrecht. Eine innere (Udo Jürgens sehr ähnliche) Stimme begann für mich "Das ist dein Tag" zu singen. Es war wundervoll. Ein weiterer und vor allem großer Schritt in Richtung unserem Wunschbaby.

Von einer netten Schwester bekam ich dann mein persönliches Medikamentendepot ausgehändigt. Spritzen, Nadeln in zwei verschiedenen Größen, die Ampullen (die möglichen Nebenwirkungen will ich hier gar nicht erwähnen) und Desinfektions-Pads. Ich war gerüstet. Hingegen meiner Wunschvorstellung von einem Impf-Pen wie bei Zuckerimpfungen war ich leicht nervös bei dem Gedanken, mir selbst eine Spritze in den Bauch zu jagen. Eine lange Nadel. Mann. Ich nahm bisher alles auf mich. Operationen, Hormone, bei denen man nicht annähernd wusste, was sie im Körper genau auslösen und noch vieles mehr. Aber angesichts einer Nadel in meinen Bauch bekam ich Angstzustände. Nicht, dass ich Angst vor Schmerzen hatte, denn diese ultradünne Nadel konnte keine Schmerzen verursachen. Aber selbst zuzustechen. Ich weiß nicht. Das war irgendwie eigenartig. Auf Hasi brauchte ich da nicht hoffen, das teilte er mir umgehend mit.

Dann wurde ich noch zum Anästhesisten geschickt, um für die Punktion alles klar zu machen.

Ich hatte das erste Mal das Gefühl, dass es jetzt los ging. Naja. Es war auch das erste Mal, dass es los ging. Gefühl hin oder her.

Und jetzt kommt es. Wenn meine Blutwerte also passen würden und ich heute noch mit den Spritzen beginnen könnte (was sich um 13:30 rausstellen würde), dann könnte man am Donnerstag der darauffolgenden Woche schon via Ultraschall sehen, wie viele Eibläschen sich gebildet haben. Nächster Fixtermin war also Donnerstag.

Kurze Info am Rande: es war das erste Mal, dass ich die Kinderwunschklinik mit einem Lächeln verließ. Das allererste Mal.

Die einzige reelle Hürde an diesem traumhaften Tag war also der ausstehende Anruf wegen den Blutwerten. Auch wenn ich mir ungefähr alle gefühlten 5 Sekunden gedanklich einredete, dass ich mich nicht zu sehr freuen sollte, es half nichts. Ich war nervös. Mann, war ich nervös. Wie sollte ich denn das aushalten?

Keine Ahnung wie, aber ich hab es dennoch überstanden. Und ich hätte den 1. Oktober in der Kapitelüberschrift nicht hoch leben lassen, wenn dieser Anruf nicht gut über die Bühne gegangen wäre. Ich bekam das OK für meinen Hormonstart.

Ich weiß gar nicht, wie ich beschreiben soll, was das in mir ausgelöst hat. Ich versuche es mit:

Stimmung: überrascht, glücklich und vor allem dankbar für einen kleinen Lichtblick