Montag, 15. Oktober 2012

Vom Glück schier erschlagen

Man, bin ich froh, dass ich mir einen dicken Schmöker zum Lesen mitgenommen habe. Den Umständen entsprechend habe ich mich für "Nicht mein Tag" entschieden. Aber dass ich damit den Nagel so dermaßen auf den Kopf treffen würde, damit hatte ich bei meiner Buchwahl am Morgen noch nicht gerechnet. Außerdem schleppte ich bereits eine Reisetasche mit mir rum. Von A wie Augencreme bis Z wie Zahnbürste alles inklusive. Es mag vielleicht für die Ambulanzschwestern ein etwas verqueres Bild abgegeben haben, dass ich zur Blutabnahme mit meiner Reisetasche erschien, aber das war mir zu diesem Zeitpunkt egal.

Ich war so ziemlich die Erste als ich mich zum Anmeldeschalter begab. Nicht nur, dass ich für die Schwestern keine Fremde mehr war, nein, sie kannten mich sogar schon beim Namen.

Merke: wenn dich die Schwestern in einer Krankenhausambulanz bereits beim Namen nennen können und dein Akt griffbereit ist, dann ist das kein gutes Zeichen.

Kurz nach meiner Anmeldung wurde ich bereits aufgerufen und zur Blutabnahme geholt. Offenbar wollten sie den am Vortag festgestellten Werteanstieg des HCG mit einer weiteren Probe untermauern. Mein Blutröhrchen kam in eine Transportbox und wurde mit dem Vermerk "EILT" Richtung hausinternem Labor verschickt. Ich fragte noch wie lange es wohl dauern würde und setzte mich wieder in den Warteraum um in meinem Buch zu Lesen. Vielleicht sollte ich auch erwähnen, dass ich nüchtern war und nichts lieber getan hätte, als mir einen leckeren Cappuccino zu gönnen. Da es aber sein konnte, dass ich schon in einer guten Stunde wieder am Operationstisch liegen würde, sollte ich diesbezüglich aber keinen trinken.

Also machte ich es mir im Warteraum gemütlich und las. Und las. Und las. Ich bin generell ein nicht sehr geduldiger Mensch, aber als ich nach einer Stunde mal vorsichtig nach meinen Ergebnissen fragte und eine negative Antwort diesbezüglich bekam, wurde ich schon ein wenig hibbelig. Immerhin ging es ja nicht nur um meine Ergebnisse. Der komplett weitere Verlauf dieses Tages hing von diesen Werten ab. Musste ich operiert werden? Und wenn ja, wann? (und vor allem nicht zu unterschätzen waren mein mittlerweile nicht mehr auszuhaltender Hunger und vor allem Durst). Ich setzte mich also (bereits leicht genervt) auf meinen Platz und wartete weiter. Patienten kamen und gingen. Ich wartete immer noch. Nach 1,5 Stunden holte mich die Schwester zu sich. "Endlich", dachte ich und freute mich über die überstandene Wartezeit. Aber was jetzt kam, dass war zu viel für mich. Ich nahm mein doofes Schicksal ruhig und gelassen hin. Operation über Operation, Hiobsbotschaft über Hiobsbotschaft. Aber jetzt war ein Punkt erreicht an dem ich feststellen musste, dass meine Nerven nicht aus Stahl waren. Nein, irgendwann war Schluss mit lustig.

Auf der nach oben offenen "wie absurd kann mein Leben noch werden" – Skala erreichte DAS einen neuen Topwert.

DIE HATTEN TATSÄCHLICH MEIN BLUT VERLOREN!

Die Schwester entschuldigte sich gefühlte zwei Millionen Mal. Und dennoch: ich war kurz vorm Explodieren. Wie schwer kann es bitte sein eine thermoskannengroßen Gegenstand mit der Aufschrift "LABOR" und "EILT" eilig ins Labor zu befördern? Ach Mensch. Wie dumm kann man sein?

Ich weiß, ich weiß. Richtet nicht damit ihr nicht gerichtet werdet. Aber ich wollte richten, und zwar hin.


"Das ist wirklich peinlich, aber glauben sie mir: das passiert gerade Mal zwei Mal im Jahr", kommentierte die Schwester.

"Prozentuell gesehen wäre das wohl echt nicht viel", blökte ich zurück und blickte zynisch in Mr. T´s Augen, der mittlerweile diesem Schauspiel beiwohnte. Er kannte sich sofort aus auf was ich anspielte und versuchte mich zu beruhigen.

"Was machen wir jetzt? Ich kann nicht von ihnen verlangen, dass sie sich ein weiteres Mal stechen lassen."

"Ach bitte, auf einen Stich mehr oder weniger kommt es bei meinen Armen auch nicht mehr an. Vielleicht sollte ich jedoch die Probe persönlich ins Labor bringen." Ich hoffte, dass er den Zynismus bemerken würde.

"Na gut, dann schicke ich ihnen dann noch mal die Schwester. Ich würde Ihnen übrigens gerne eine weitere Operation ersparen. Doch wir müssen handeln, denn ihre Werte sind wieder gestiegen und restliche Gewebeteile sind offenbar weitergewachsen. Das haben sie ja bereits am Telefon erfahren. Es gibt ein Medikament namens Methotrexat. Dieses Medikament verhindert die Produktion von neuen Zellen und stoppt das Wachstum. Die Verabreichung des Medikamentes erfolgt mittels einer intramuskulären Injektion. Die Eileiterschwangerschaft wächst auch häufig noch in der Größe. Dies ist wahrscheinlich das Resultat eines Blutergusses und weniger eines wirklichen Wachstums der Schwangerschaft. Wir müssen es bestellen. Wenn sie morgen noch einmal vorbeikommen könnten, dann spritzen wir es ihnen. Dann haben sie es überstanden."

"Das wäre schön."

"Gut, dann sehen wir uns morgen wieder."

Und so verließ ich nach eindeutig zu vielen Stunden die Klinik. Auf der einen Seite froh einer weiteren Operation entgangen zu sein, auf der anderen Seite erschüttert, was mir wieder alles passiert war. Die Neuigkeiten wurden prompt wieder unter die Massen (Hasi, Eltern, engste Freunde und Kollegen) gebracht. Manche (mich eingeschlossen) fanden es wirklich schon absurd was hier vorging. Meine Kollegin meinte sogar, sie traue sich schon gar nicht mehr beim Telefon abheben, denn ich hatte immer noch schlechtere und noch unglaubwürdigere Nachrichten. Ja, ich empfand es auch bereits so. Aber zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nichts vom weiteren Verlauf. Alles bisherige war dagegen ein Kindergeburtstag (ein ziemlich wagemutiger Vergleich – ich weiß). Pipifax. Nicht der Rede wert. Ich hatte ja keinen blassen Schimmer was die nächsten paar Tage noch für mich in petto hätten.

Das nenne ich mal Geschwindigkeit

Es wäre eigentlich an der Zeit schreiend im Kreis zu laufen oder sich aufgrund eines massiven Nervenzusammenbruchs a la Britney Spears den Kopf kahl zu rasieren.

Doch nichts passiert.

Ich nehme es auf meine Kappe. Gut es bleibt auch gar nichts anderes übrig. Ich habe es herausgefordert. Blättert ein wenig zurück. Dann wisst ihr von was ich spreche. Blättert zurück und lest noch mal die Stelle, an der ich Mr. T bitte, mir nicht mit prozentuellen Thesen zu kommen (die Geschichte mit den Gewebeteilchen). Zack die Bohne! Respekt 2010. Speedy Gonzales kann einpacken. Hut ab.

Du bist schnell. Verdammt schnell. Aber ich habe dir ja gesagt, dass du nur mehr 1,5 Monate Zeit hast. Das hat dich offenbar inspiriert. Zwei Tage ist eine echt respektable Zeit.

Ich habe heute morgen betreffend meinen Blutwerten in der Klinik angerufen. Gestern war mein erster Bluttest nach der OP. Die Schwester meinte am Telefon, dass der Befund noch beim Arzt liegen würde und ich zu Mittag noch einmal anrufen sollte. Das kam mir bereits spanisch vor und ich teilte meine Skepsis auch umgehend Hasi mit.

Um kurz nach 11 Uhr teilte mir dann der Oberarzt am Telefon mit, dass mein HCG-Wert wieder gestiegen sei. Ich solle morgen früh nüchtern erscheinen. Wenn bei der erneuten Blutabnahme wieder keine HCG-Senkung zu vermerken ist, dann wären wohl tatsächlich noch Gewebeteile im Eileiter und ich müsste erneut operiert werden.

Unser Houdini hatte es also nicht nur geschafft sich in einen unbrauchbaren Eileiter einzunisten und sich von dort in meinen Bauchraum heraus zu manövrieren, er hinterließ auch noch (für meinen Geschmack ziemlich unangebrachte) Andenken an sich selbst.

Und dennoch. Ich ruhe in mir. Kein Nervenzusammenbruch in Sicht. Kein Zweimillimeteraufsatz in greifbarer Nähe. Ich bin die Ruhe in Person. Ich nehme es einfach an.

Ich kann nur erahnen was ich aus diesem Tief, aus dieser trostlosen schweren Zeit für mich mitnehmen und lernen soll. Die Schlinge muss sich anscheinend richtig fest zuziehen bevor wieder bessere Zeiten kommen. Man muss bis zum Hals in der Scheiße stecken um im letzten Moment Auftrieb zu bekommen. Wir arbeiten scheinbar eine ziemlich große Prüfung ab.

(Ich warte auf den Auftrieb! Hallo? Hört mich jemand? Auftriiiiieb!!!)

Ich packe sicherheitshalber alles zusammen, denn seien wir uns ehrlich:

Die Chance morgen nicht operiert zu werden geht gleich Null.

Ich bereite mich darauf vor. Aber es ist nicht schlimm. Keineswegs.

Und außerdem: wenn wir jetzt resignieren, kommen wir unserem Wunschkind auch nicht näher.

Packen wir es an! Ich bin bereit. Ich nehme es an!
 

Stimmung: (erstaunlicherweise) optimistisch und ich denke, dass ich Mr. T morgen mitteilen werde, dass ich froh wäre ihn heuer nicht mehr zu sehen

2010 - ich scheiß auf dich

Ich werde beginnen Lotto zu spielen. Denn wenn es darum geht geringst mögliche Chancen auszunutzen, bin ich wohl ein echter Gewinnertyp.

Meine Operation verlief gut. Wenn man von gut sprechen kann. Mr. T kam zur Visite am Samstag extra in die Klinik und erklärte mir, was bei mir gemacht worden war. Ich wusste bereits vorher, dass auch eine Curettage (Gebärmutterausschabung) bei mir gemacht werden musste, also überraschte mich diese Information nicht mehr.

„Die OP verlief gut. Aber es war doch anders als erwartet. Der Embryo hat sich bei ihnen im Bauchraum eingenistet. Vom Eileiter in den Bauchraum, denn im Eileiter war ein kleiner Riss. Sie hatten eine Bauchhöhlenschwangerschaft. Die Chance darauf beträgt gerade mal zwei Prozent (wenn überhaupt). Es tut mir leid. Sie wollen das vielleicht jetzt nicht hören, aber man muss die Situation trotzdem als positiven Schwangerschaftsverlauf betrachten. Wir wissen jetzt, dass sich bei ihnen etwas einnisten kann und auch etwas wachsen kann. Also müssen wir es als positiv ansehen. Auch den Fond betreffend wird es als positiv gewertet und somit beginnen sie wieder bei Null.“

Was sollte ich darauf wohl sagen? Ich nickte nur ungläubig.

„Kommen sie bitte Dienstag und Freitag noch einmal zum Blutabnehmen. Wir müssen das Schwangerschaftshormon noch im Auge behalten. Es könnte nämlich sein, dass sich noch irgendwo kleinste Gewebeteile befinden, die noch weiterwachsen könnten. Aber prozentuell ist diese Möglichkeit sehr sehr gering.“

„Lassen wir das bitte mit den Prozenten bei mir. Mein Körper schafft offenbar alles.“

Da musste sogar Mr. T lachen. Hätte ich nicht solche Schmerzen gehabt, ich hätte mich angesichts der Situation echt weggeschossen. Mein Galgenhumor. Der verlässt mich Gott sei Dank nie. Hasi und ich beschlossen dann, dass dieses Kind (wenn es sich entwickelt hätte) wohl alleine für den Schulweg schon ein Navigationsgerät gebraucht hätte. Es hätte höchstwahrscheinlich nie nach Hause gefunden. Immerhin hat es sich auch in mir verlaufen. Und da hätten wir ihm durch den Transfer in die Gebärmutter wirklich schon alles regelrecht vorgekaut. (diese Sichtweisen halfen uns über das Schlimmste hinweg)

Hasi machte sich eigentlich nur um mich Sorgen. Natürlich nahm ihn auch die Situation mit, aber im Großen und Ganzen war er einfach froh, dass ich gesund war.
Am nächsten Tag konnte ich bereits nach Hause gehen. Das war für mich das Wichtigste. Keinen Tag länger wollte ich hier dahinvegetieren. (Nichts gegen die Klinik. Alles war spitze. Die Schwestern an Freundlichkeit nicht zu überbieten, leckeres Essen und als Klassenpatientin ging es mir sowieso gut.)

Aber daheim ist eben daheim.



Mein Fazit:

Ich personifiziere das Jahr 2010. Ich mache es zu meinem persönlichen Feind. Denn nur so kann ich diesem Jahr Paroli bieten. Und das werde ich.

Die Tage im Krankenhaus haben mich in keinster Weise geschwächt. Nur das Warten auf die Operation hat an meinen Kraftreserven gezerrt. Ich wusste, es ist etwas in meinem Körper. Aber an der falschen Stelle. Ich wusste es lange bevor ich den medizinischen Beweis dazu hatte. Lange bevor die Ärzte sich sicher waren. Und ich wollte es weghaben. Raus aus meinem Körper. Es war ein Fremdkörper in mir. Jede Faser meines Körpers schrie „entfernt es“. Ab dem Zeitpunkt der OP ging es mir wieder gut. Ich war erleichtert. Und jetzt bin ich stark. Ich habe Kraft gesammelt. Ich weiß nicht woher die Kraft kommt, aber ich habe sie dankbar entgegengenommen. Komme was wolle. Ich schaffe alles. Komm her 2010. Was hast du noch für mich in petto? Her damit. Du hast noch genau 1,5 Monate um mir noch etwas reinzuwürgen. Und es wird dir schwer fallen. Denn ich schließe ab. Es wird dieses Jahr keinen zweiten Versuch mehr geben. Ich gönne mir und meinem Körper eine Pause. Für heuer ist es genug. Genug an Vollnarkosen, Transferen, Punktionen und Hormonen. Genug an Wartezeiten und Tiefschlägen. Kein Krankenhaus wird mich das restliche Jahr mehr von innen sehen. Ich lasse das Jahr mit einem Wellnessurlaub, Weihnachtsmärkten und Spaß ausklingen. Schmerzen haben keinen Platz mehr. Also beeile dich. Denn zum Jahreswechsel wirst du ausgetauscht. Entsorgt. Vergessen. Ich werde mein Gehirn zum Jahreswechsel einfach neu aufsetzen. Und wenn es der Jahreswechsel nicht schafft, dann helfe ich mit Alkohol nach. Ich habe mir geschworen, dass ich dich abschließe. Nicht wie alle Anderen ein Jahr abschließen. Nicht nur eine neue Jahreszahl schreiben. Nein. Ich werde den Jahreswechsel heuer voller Zuversicht zelebrieren. Wir werden ihn zelebrieren. Denn Hasi und ich sind gewachsen und wir freuen uns auf das neue Jahr. Und wer weiß. Vielleicht machen wir den zweiten Versuch überhaupt erst später. Wir wissen es noch nicht. Wir brauchen Erholung und eine Pause. Und die gönnen wir uns jetzt.
Also hör mir jetzt genau zu 2010:

ICH SCHEISS AUF DICH!

Wieder einmal ist jemand schwanger. Dieses Mal jedoch keine Freundin (die werden auch schön langsam rar) sondern eine Nachbarin. Extra erwähnenswert deshalb, da ich sozusagen direkt bei der Zeugung dabei war, denn hierbei stieß die Gute in Frequenzbereiche vor, bei denen man den Verstand verlieren kann. Gratulation an dieser Stelle. Stellt euch ein freundliches Händeschütteln vor.

Und wenn du denkst: was soll jetzt noch passieren…

...kotzt dir das Leben noch einmal so richtig schön vor die Füße.

Ich bin wieder zu Hause. Endlich. Von wo zu Hause werdet ihr euch fragen. Tja. Lustige Geschichte. Hört sie euch an. Aber vorweg möchte ich eines erwähnen: alle, die nicht auf unglaubwürdige Geschichten und Märchen stehen, sollten jetzt besser aufhören zu lesen. Das glaubt ihr mir nie.

Es war am Dienstag. Schon den ganzen Vormittag über hatte ich ein komisches Gefühl. Ich saß mit ziemlichen Unterleibsschmerzen in der Arbeit und konnte mich zeitweise gar nicht bewegen. Als nach dem Mittagessen auch noch mein Kreislauf verrücktspielte, entschied ich mich nach Hause zu fahren. Und fragt mich nicht wieso, aber ich hatte das Gefühl in mir, dass ich mir einen Schwangerschaftstest besorgen sollte. Keine Ahnung wieso. Ich hatte mittlerweile die Feinfühligkeit eines Seismographen für die Dramen in meinem Leben entwickelt. Ein spezielles Dramennäschen. Intuition nehme ich mal an. Gesagt getan. Sofort als ich zu Hause war, las ich (auch rein intuitiv) im Internet über Mutterbänder und Eileiterschwangerschaften nach. Dann machte ich den ersten Test. Positiv. Dann machte ich den zweiten Test. Positiv. Ich war eigentlich nicht mal überrascht und freute mich auch nicht darüber. Ich wusste sofort, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Ich informierte umgehend Ela, dann rief ich sofort in der Kinderwunschklinik an und machte mir für den darauffolgenden Tag einen Termin aus.

Ich war trotzdem ziemlich verwirrt. Gedanklich befand ich mich irgendwo zwischen Eileiterschwangerschaft, einem Wunder und der Frage, wie viel Pech man in einem Jahr wohl haben könnte. Hasi wollte ich mit diesen Dingen noch gar nicht belasten und erzählte ihm erst mal nichts davon. Ich versuchte einfach schnell zu schlafen und mich nicht verrückt zu machen.

Am nächsten Morgen fuhr ich also mit zwei positiven Schwangerschaftstests in die Klinik. Eine der Schwestern schickte mich auch gleich um eine Urinprobe und wir machten zusammen auch noch einmal einen Pinkeltest. Oh welch Wunder – auch der war positiv. Sie nickte mir nach dreiminütiger Wartezeit freudig zu und holte mich zu ihr.

„Gratuliere, Sie sind wirklich schwanger.“
„Ich weiß.“
„Wir machen jetzt noch einen Bluttest und dann kommen Sie noch zur Untersuchung.“
„Was passiert bei einer Eileiterschwangerschaft?“
„Ach, wir wollen doch nicht vom Schlimmsten ausgehen, oder?“

Etwa eine halbe Stunde später meinte sie mit gesenktem Haupt: „Als ob Sie es gewusst hätten.“

Aber weiter im Programm.
Eine Ärztin holte mich dann zum Ultraschall und bestätigte mir das ohnehin bereits Geahnte. Nicht nur, dass man absolut nichts in der Gebärmutter sehen konnte, sie (die Gebärmutter) war auch nicht auf eine Schwangerschaft vorbereitet (das sah man an den Schichten). Die Ärztin drückte mir dann noch mächtig in meinen Bauch, während sie mir das Ultraschallgerät auf Biegen und Brechen in meinen Unterleib rammte. Irgendwann fragte sie mich, ob ich dabei einen Schmerz empfinden würde. Ich erklärte ihr dann ganz freundlich, dass ich auch im gesunden Zustand bei dieser Art der Untersuchung Schmerz empfinden würde. Lange Rede kurzer Sinn. Sie entdeckte eine Flüssigkeitsansammlung im Bauchraum, eine Zyste in der Gebärmutter und definitiv keine gesunde Schwangerschaft. Eine Eileiterschwangerschaft im linken Eileiter war sehr wahrscheinlich.

Dann ging alles sehr schnell. Ich durfte nicht einmal mehr nach Hause fahren um mir ein paar Dinge zu holen. Vorsorglich (auch intuitiv) hatte ich bereits meine Zahnbürste und mein Handyladegerät eingepackt und meinem Hasen Bernhard eine mehrtägige Futterration in seinem Käfig hinterlassen. Ein paar Informationsanrufe (Hasi, Mum, Arbeitskollegin, Ela) später befand ich mich bereits in der Aufnahme und wurde auf die Pränatalstation gebracht.

Kurze Zeit später war auch schon meine Mum da und wir heulten eine Runde um die Wette. Wir konnten es beide kaum glauben. Die Situation war aber auch wirklich dementsprechend unglaubwürdig. Nicht nur, dass unser erster Versuch einfach nicht geklappt hatte. Nein. Wir bekamen wieder einmal einen extra Minuspunkt und schafften mit meinen unbrauchbaren Eileitern doch noch eine Eileiterschwangerschaft. Für das waren meine nutzlosen Schnüre nicht nutzlos genug. Jedes blinde Huhn findet mal ein Korn – oder so.

War es schon zu spät einfach nach Hause zu gehen, mich in mein Bett zu kuscheln und mich mit der Frage zu beschäftigen, wie ich jemals wieder glücklich würde leben können, ohne mich mit Psychopharmaka vollzupumpen?

Ich sollte zwei Tage zur Kontrolle in der Klinik bleiben bis man am Freitag anhand der neuen Blutwerte mehr sagen konnte. Die Ärzte waren sich (im Gegensatz zu mir) nämlich noch nicht sicher, ob es nicht doch eine gesunde Schwangerschaft sein könnte.

Die nächsten zwei Tage verbrachte ich damit, dass ich mir aus einer Mischung aus mir völlig unbekannten Ärzten und Hebammen sagen ließ, dass man noch nichts Genaues sagen konnte. Jedes Mal, wenn einer dieser gnadenlosen Optimisten (von mir auch Dummschnösel genannt) auch nur annähernd versuchte mir Hoffnung zu machen, bekam ich Aggressionen. Mal hielt man das Schwangerschaftshormon für „im Normalbereich“, mal war es absolut normal, dass man zu diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft noch nichts in der Gebärmutter erkennen konnte. Ein anderes Mal wies die Flüssigkeitsansammlung in meinem Bauch auf eine eventuelle Schwangerschaft hin. Der Spruch „ist das ihre erste Schwangerschaft“ wurde von mir nur mehr mit den Worten „wenn sie es als Schwangerschaft bezeichnen, ja dann ist es meine Erste“ erwidert. Leute. Echt. Tut mir den Gefallen und seit realistisch. Zieht einen Schlussstrich. Genau wie ich.

Nach zwei endlos erscheinend langen Wartetagen war es endlich soweit. Am Morgen wurde mir wieder Blut abgenommen um das Schwangerschaftshormon zu beobachten. Nur ein rapider Anstieg würde auf eine gesunde Schwangerschaft hinweisen. Gegen Mittag kam er dann. Mein Held. Mr. T. Er war der Einzige, der den Arsch in der Hose hatte mir zu sagen, dass ich von einer gesunden Schwangerschaft weit entfernt war.

„Ihre Werte sind katastrophal. Wir werden heute noch operieren.“
„Danke, das wollte ich hören.“
„Das wollten sie hören?“
„Ja, endlich kann ich gedanklich damit abschließen. Machen sie es bitte weg. So schnell wie möglich.“

Und so kam es dann auch.

Als die Entscheidung fiel mich zu operieren, hatte ich natürlich bereits gefrühstückt, und so kam eine Schwester in mein Zimmer um mir einen Einlauf zu verpassen. Wenn ich anmerken darf: nicht lustig. Und wenn ich noch etwas anmerken darf: traut niemandem. Die Einlaufschwester war sich ihrer Sache eindeutig sicher. Die ganze Aktion dauerte nicht länger als eine Minute. So erschien es mir zumindest.

„Ich komme in zwanzig Minuten wieder vorbei“, sprach sie und ließ mich in meiner Panik zurück. Ich lag da also. Unwissend. Mit meinem allersten Einlauf in meinem ganzen Leben. Die ersten zehn Minuten waren ja noch halbwegs erträglich. Jede weitere Minute die verging, brachte mich zu der Annahme, das mir der Hintern beim nächsten Atemzug explodieren würde. Wie sollte ich das bloss noch weitere zehn Minuten aushalten?

Als nach insgesamt fünfzehn Minuten eine andere Schwester mein Zimmer betrat, fragte ich mit gequälter Stimme, ob ich nicht doch schön langsam aber sicher mal auf die Toilette gehen dürfte.
„Wie lange warten sie denn bereits?“
„Ich würde sagen fünfzehn Minuten (eigentlich brauchte ich nicht zu schätzen, ich wusste haargenau wie lange ich und mein Schließmuskel diesen intensiven Gedankenaustausch hatten).“
„Fünfzehn Minuten? Bitte gehen sie“, schrie sie mich regelrecht an.

Ich hatte eine Mission. Du schaffst das. Du schaffst es noch bis zur Toilette. Bemühe dich. Doch es war eher Mission Impossible. Ein Schritt mehr hätte fatal geendet.

Die Erlösung folgte binnen einer Nanosekunde. Ohne Scheiß (wie treffend), ich war vor lauter Wohlgefühl kurz davor in ein Spontankoma zu fallen. Als ich (verstört aber sichtlich erleichtert) aus der Toilette kam, fragte mich die nette Dame, warum ich denn so lange gewartet hätte.

„Ihre Kollegin meinte, sie käme in zwanzig Minuten wieder. Ich bin davon ausgegangen, dass ich dieses Teufelszeug auch so lange in mir behalten sollte. Ich konnte ja nicht wissen…also…war ja mein Erster…ich hatte ja noch nie die Ehre. Und sie können mir glauben: das war keine leichte Aufgabe.“

„Aha“, sagte sie und man sah ihr an, dass sie ganz offensichtlich versuchte, nicht an lockere Schrauben zu denken.

Nach meiner Bekanntschaft mit Dr. Po-Explosion wurde ich
nach unten gebracht und eine halbe Stunde später war ich bereits auf dem Operationstisch. Vielleicht versteht ihr mein Verhalten nicht. Aber es ging mir gut. Ich konnte abschließen. Mich frei machen. Vor allem hatte ich auch bereits die ersten Schwangerschaftsanzeichen. Spannungsgefühl in den Brüsten, sensible schmerzende Brustwarzen, ja ich war eben schwanger. Mein Körper hatte nur nicht geschnallt, dass ich an der falschen Stelle schwanger war. Er verhielt sich einfach so, wie es ihm wahrscheinlich beigebracht worden war.

Schwangerschaftsmodus ein -  volle Kraft voraus.
Und nur diese OP konnte ihn bremsen.

Freundin 3 + 4 schwanger!

The show must go on

Ja das war er nun. Unser hoffnungsgetränkter Versuch Nummer 1. Vorbei. Uns wurde auf sehr schmerzhafte Weise klargemacht, dass das Leben wirklich kein Ponyhof ist. Jetzt sitze ich hier in unserem Wintergarten und schreibe. Ich stelle mir zum wiederholten Mal dieselbe Frage. Wie geht es jetzt weiter? Für diese Frage habe ich mir auch schon eine Antwort überlegt. Es muss weiter gehen. Wir werden uns wieder vermehrt auf unserer Baustelle (nicht meine Körperliche, sondern die am Haus) ablenken und versuchen mal ein wenig Abstand von diesem Thema zu bekommen. Klingt zwar einfach und logisch, aber wie die Umsetzung zu bewältigen ist, das weiß ich noch nicht so genau. Ich möchte die nächsten paar Wochen mal wieder für mich leben. Für meine Partnerschaft, für meine Freunde und für meine Familie. Ich will Sex haben weil es Spaß macht und weil wir uns lieben, und nicht weil wir uns fortpflanzen wollen. Möchte nicht für meine Gebärmutter, meine Wunschvorstellungen und meine ausgereizte Schmerzgrenze leben. Ich möchte mal wieder ganz ich sein. Ich pur. Das tun was mir Spaß macht.

Was aber, wenn ich erst wieder austesten muss, was mir Spaß machen könnte. Denn Spaß stand in den letzten paar Wochen nicht unbedingt an der Tagesordnung. Wohl ein Scherzchen da und dort. Aber die lebenslustige Ulknudel die ich vorher war, die gibt es zur Zeit nicht. Aber die hole ich jetzt wieder hervor. Sie befand sich jetzt lange genug am Abstellgleis. Ich hatte mein Leben völlig umgekrempelt und auf eine etwaige Schwangerschaft ausgerichtet. Habe Vorhaben verschoben oder gar abgesagt. Man beeinflusst sein ganzes Leben, weil man ja demnächst schwanger sein könnte. Ich habe zum Beispiel Konzertkarten für kurz nach dem Transfer verschenkt, um ja nichts zu riskieren (ein Rock Konzert wohl gemerkt). Hätte mich da auch nur jemand angerempelt, den hätte ich in der Luft zerrissen. Ich plante generell nicht mehr weiter vor als zwei Wochen. Wie gestört ist denn das bitte?

Mein Leben wird bestimmt durch den Wunsch schwanger zu sein. Ich versklave mich selbst. Das muss sich ändern. Aber wie?

„Denk einfach nicht mehr daran. Man hört so oft, dass Menschen so lange versucht haben schwanger zu werden. Und als sie damit abgeschlossen hatten, wurden sie auf einmal schwanger.“

Kennt ihr diese weisen Worte von Menschen, die selber selbstverständlich schon Kinder haben? Menschen, die gerade mal den Entschluss gefasst haben mit der Verhütung aufzuhören und im nächsten Zyklus schwanger waren. Menschen, die keinen Dunst haben von den Schmerzen, Ängsten und Problemen die man tagtäglich zu bewältigen und verarbeiten hat. Sie meinen es sicherlich nicht böse, aber hören sie sich selber eigentlich zu? Wissen sie welchen Müll sie von sich geben? Wie soll man es denn um alles in der Welt schaffen, mit diesem Thema abzuschließen? Wie viele gescheiterte Versuche muss man hinter sich gebracht haben um damit abzuschließen und zu sagen „ok, dann kauf ich mir eben einen Hund“? Noch so ein Spruch bei dem es mir die Zehennägel aufrollt ist „du darfst dich nicht so rein steigern“.

Hallo? Geht´s noch? Seit ihr denn völlig bekloppt? In solchen Momenten muss ich immer durchatmen und im Stillen zu mir selber sagen „sie wissen es nicht besser, sie meinen es ja nur gut“.

Nach jedem negativen Befund, jeder negativen Information, war ich am Boden, rappelte mich zielstrebig wieder auf und KAWUMM. Schon wieder war ich ganz unten. Meine Stimmung bewegte sich zeitweise im Minusbereich. Mentale Fragilität ist an der Tagesordnung. Tränen kommen aus dem Nichts, Kleinigkeiten erschüttern mich. Irgendwann ist auch mein schier unendlich scheinendes „gute-Laune-Reservoir“ aufgebraucht. Mein Krafttank hat sich geleert. Ich fahre bereits auf Reserve, im roten Bereich, wenn man so will.

Und jetzt bin ich auf der Suche nach meiner persönlichen Tankstelle. Gott sei Dank weiß ich aber, dass ich in diesen Momenten auf Hasi, meine Familie und meine Freunde zählen kann. Sie alle sind für mich da. Das weiß ich auch sehr zu schätzen.
Ich stelle mir ganz einfach vor: einmal voll machen bitte, aber dalli dalli.