Montag, 15. Oktober 2012

Künstliche Befruchtung auf der Waagschale

Irgendwann kam dann einmal der Zeitpunkt, an dem ich mich etwas intensiver mit dem Thema künstliche Befruchtung auseinandersetzte. Ja, noch intensiver als es einfach zu machen. Ausschlaggebend war eine Sendung auf einem jener TV-Sender, bei denen mein Finger ansonsten schon rein instinktiv weiterzappt. Per Zufall also, wenn man so sagen will, blieb ich bei einer Sendung hängen, bei der das Thema künstliche Befruchtung in Amerika aufgegriffen wurde. Was ich da sah schockierte mich. Welche Möglichkeiten es überhaupt gab war nicht nur interessant sondern auch ziemlich beängstigend wenn ich ehrlich bin. Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin natürlich ein Befürworter der künstlichen Befruchtung, doch irgendwo hört für mich der Spaß auch auf. Die Amis betreiben alles rund um das Thema Kinderwunsch (wie alles Andere auch) etwas exzessiver. Es ist dort ganz normal, dass man sich das Geschlecht des Kindes aussuchen kann. Der interviewte Doktor stellte sogar fest, dass es bereits möglich wäre die Haarfarbe oder die Augenfarbe zu wählen, doch die Menschheit wäre noch nicht bereit dafür. Wie krank ist das denn? Wobei ich bei solchen Hardcore-experimentellen Dingen sowieso nicht die richtige Ansprechperson bin. Da halte ich nichts davon. Im Gegenteil. Manchmal denke ich sogar darüber nach, ob künstliche Befruchtung im Allgemeinen nicht bereits ein Eingriff in eine Thematik ist, die uns (damit meine ich uns Menschen) nicht zusteht. Aber diesem Thema negativ gegenüber zu stehen, da würde ich mir ja selbst ins Knie schießen. Aber seien wir uns ehrlich: komisch ist es schon wenn man darüber nachdenkt. Gegner bezeichnen es als Eingriff in die Schöpfung. Was es ja rational betrachtet auch ist. Aber für unsereins (Paare mit unerfülltem Kinderwunsch) ist es ein Wunder.

Weiters wurde in diesem Film gezeigt, dass die Wissenschaftler mittlerweile aus Hautzellen (stellt euch das mal vor) Spermien erzeugen können. Aus Hautzellen! Außerdem wurden in einer künstlich erzeugten Gebärmutter bereites Mäuseembryonen bis zwei Drittel der "Schwangerschaft" ausgetragen. Das ist bereits alles möglich. Und wer weiß was noch alles möglich ist, von dem wir Normalsterblichen nicht mal annähernd Bescheid wissen.

Als ich mir, wie so oft, in den Internetforen die Wartezeit bis zur einsetzenden Periode vertrieben habe, habe ich so einiges gelesen. Unter anderem auch über den Embryo-Glue. Hiermit soll eine bis zu 30%ige Zunahme der Einnistung erreicht werden. Die Inhaltsstoffe sollen die der Flüssigkeit in der Gebärmutter angepasst sein und verbessern anscheinend gleichzeitig die Ernährungssituation der Embryos. Vor allem ist er aber für das Anhaften der Embryonen an die Gebärmutterschleimhaut zuständig. Ich weiß nicht recht. Ein wenig Entscheidungsfreiheit möchte ich meinem Körper schon noch lassen. Jetzt trickse ich ihn bereits mit einer externen Befruchtung aus, da muss ich ihn nicht auch noch für unmündig erklären in dem ich ihm den Blastozyst reinklebe. Vielleicht hat es ja doch einen Grund warum es zu keiner Einnistung kommt, auch wenn man im Moment des Einsetzens der Periode schreiend und heulend davonlaufen könnte. Das ist natürlich nur meine ganz persönliche Meinung. Ich hoffe es fühlt sich niemand von mir auf den Schlips getreten. Aber mal abgesehen davon, dass es jeder selbst für sich entscheiden kann, ist eine 100%ige Einnistung auch trotz Embry-Glue ohnehin nicht gegeben. Und wenn man schon über "Gründe" nachdenkt, könnte man ja auch behaupten: "Vielleicht hat es ja einen Grund, dass ich auf natürlichem Weg nicht schwanger werde". Diese Überlegungen gehen ins Unendliche. Ich möchte auch gar nicht länger in diesem Meinungstümpel herumwaten. Aber solche und andere Überlegungen waren eben gelegentlich sehr präsent. Fairerweise sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich durch meine neu begonnene Ausbildung zur Energetikerin sehr viele neue Sichtweisen bekommen habe und vielleicht, oder genau deshalb, sehr viel über meinen Körper und mich als Ganzes hinterfrage. Das fängt schon bei der Überlegung an, ob verstopfte Eileiter eventuell doch nur eine (sagen wir mal) "Momentaufnahme" sind, wie zum Beispiel eine verstopfte Nase. Ein etwas waghalsiger Vergleich, aber warum sollen Eileiter nicht aus etwaigen Gründen nicht mal wieder frei werden? Oder die Quantität der Spermien durch andere Lebensumstände nicht ansteigen? Man hört und liest so oft, dass Unfruchtbarkeit auch psychische Faktoren hat und Frauen trotz schwerwiegender Diagnosen plötzlich doch fruchtbar sind. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere aufmerksame Leser noch an meine Einstellung zu Beginn dieses Tagebuches, als ich erwähnte, dass ich es für schwachsinnig halte wenn mir Menschen vorschwafeln, dass ich mich nicht so auf das Kind versteifen soll. Und dass Pärchen, als sie mit dem Kinderwunsch bereits abgeschlossen hatten plötzlich schwanger waren. Jetzt frage ich mich schön langsam ob an diesen Aussagen vielleicht doch etwas Wahres dran ist. Immerhin merke ich selber, dass es mir gut tut, dass der fürchterliche Druck weg ist. Wir haben zwar noch (lange) nicht unseren Kinderwunsch ad acta gelegt, aber es ist eindeutig weniger stressig und erträglicher geworden.

So sehr ich mir ein Baby wünsche, aber mich beschäftigt immer öfter wie weit ich dafür gehen würde. Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich gerade mal zwei lächerliche Versuche hinter mir habe. Aber reden wir Tacheles: ich habe ohnehin nur zwei Möglichkeiten.

1: ich höre auf und bleibe kinderlos

2: ich mache weiter

Da ich mich mit Möglichkeit 1 nicht arrangieren kann, bleibt nur Möglichkeit 2.  Manchmal hilft es das Ganze ganz rational zu betrachten. Für mich ist Möglichkeit 1 keine Option daher werde ich weitermachen.


Denn: Aufgeben gilt nicht!


Aber ich werde mir für einen weiteren Versuch jetzt definitiv mal Zeit lassen. Jetzt genieße ich mal den Sommer. Ganz ohne Wechseljahrsbeschwerden und Blähbauch. Ich bin doch kein Mensch gewordener Eierstock!

Auch ein unwilliger Körper braucht einmal eine Pause!

Klappe die Zweite

Im März fühlten wir uns beide stark genug für einen erneuten Versuch und so machten wir uns einen Termin bei Mr. T aus und besprachen die Vorgehensweise. Mr. T riet uns zu einem Frischversuch, da die Chance von Eskimos generell geringer ist und bei uns noch geringer, da sie sich erst kurzfristig über Nacht entwickelt hatten. An dieser Stelle fragte ich mich zwar, warum man sie dann trotzdem kryokonserviert hatte, beließ es dann aber und hakte das Ganze unter dem Kapitel "die werden schon wissen was sie tun" ab. Dieses Mal sollte ich aufgrund genau dieser späten Entwicklung andere Medikamente bekommen und so startete ich wieder mit einem Nasenspray zur Downregulierung. Die weitere Vorgehensweise habe ich ja bereits bei unserem ersten Versuch genauer beschrieben also werde ich mich unterstehen euch wiederkäuender Weise zu langweilen. Als positiven Unterschied zum ersten Versuch möchte ich aber anmerken, dass wir beide nicht mehr so nervös waren und viel weniger Druck auf uns lag. Das war ganz angenehm. Klarerweise wussten wir dieses Mal natürlich was auf uns zukam (und wir gingen klugscheißerisch davon aus, dass uns nichts Schlimmeres als letztes Mal passieren könnte). Außerdem erklärten wir uns bereit, bei einer Studie über Seminalplasmaspülungen teilzunehmen. Bei einer Seminalplasmaspülung wird der Muttermund mit Seminalplasma (Ejakulat ohne Spermien) gespült und soll die Gebärmutterschleimhaut auf das Einnisten eines Embryos vorbereiten. Die genaue Wirkungsweise ist noch nicht geklärt (daher auch die Studie), jedoch befinden sich im Seminalplasma viele Botenstoffe, die das Immunsystem der Frau positiv beeinflussen können. Sprich: man möchte wissen, ob irgendwelche Inhaltsstoffe die Gebärmutterschleimhaut auf eine baldige Einnistung vorbereiten.

"Ey Gebärmutterschleimhaut, räum mal auf und mach dich mal geschmeidig! Ein Embryo ist im Anmarsch. In spätestens 5 Tagen klopft er an deine Tür. Und wehe ich höre Beschwerden, also kümmere dich gut um ihn. Dass ich da ja nix höre!"

So in etwa.

Es lief im Großen und Ganzen wieder alles nach Norm ab und so bekam ich Ende März meinen Punktionstermin.

Sogar bei der Hinfahrt an einem Samstag waren wir noch ziemlich entspannt. Da es sich zeitlich nicht anders ausgegangen wäre, hatten wir an diesem Tag unsere "Kinder" bereits mit, was für Hasi auf alle Fälle angenehmer war. Unter meinem Pullover beförderte ich also den Plastikbecher in Alufolie gewickelt wie befohlen direkt am Körper (Körperwärme war wichtig für diese kälteempfindlichen Zwerge) in die Klinik. Dieses Mal bekam ich anstelle eines Bettes in der KiWu-Abteilung ein Bett in der Tagesklinik (kannte ich ja seit Oktober bereits in und auswendig).

Dort sollte ich einchecken, mich umziehen und dann wieder in die KiWu kommen. Gesagt getan.

Hätte ich auch nur 3 Minuten in die Zukunft blicken können, hätte ich unter keinen Umständen auch nur annähernd nach einem Morgenmantel gefragt. Doch wer kann schon in die Zukunft schauen. Also machten wir uns (untermauert von Hasi´s schallendem Gelächter) wieder auf den Weg in die KiWu-Abteilung. In meinem geborgten schweinchenrosarotem Morgenmantel, sponsered by Kinderklinik, sah ich aus wie eine schlankere Version von Cindy aus Marzahn. Das teilte mir Hasi (nach seinem gefühlten sechsten Lachanfall) auch umgehend in Anwesenheit aller anderer Personen im Warteraum mit.

Für lächelnde Gesichter war also gesorgt, jetzt konnte ich mich auf meine eigentliche Aufgabe konzentrieren. Die Punktion.

Ich kürze das Folgende jetzt einfach mal grob fahrlässig ab. Ich hatte elf Eier von denen sich neun befruchten lassen haben. Aber wer jetzt denkt: "Wow, eine tolle Ausbeute", der irrt. In den darauf folgenden Tagen passierte wieder das Selbe wie beim letzten Mal. Die Anzahl wurde weniger und weniger bis nur mehr ein Blastozyst übrigblieb. Alle anderen haben sich gar nicht oder ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr weiterentwickelt.

Ein Blastozyst. Nicht gerade eine fette Ausbeute, aber immerhin. Ich freute mich einfach, dass nicht die ganze Hormonbehandlung umsonst war.

Am Transfertag teilte mir Mr. M mit, dass mein Blasti sicherlich kein Spitzensportler wäre, aber für das österreichische Nationalteam völlig ausreichend. (Vor meinem geistigen Auge stellte ich mir unser Nationalteam beim Versuch vor, den Ball im Tor zu versenken. Da hätte ich mir mein geistiges Auge am liebsten rausgerissen. Also DAS ermutigte mich nicht und sicher auch nicht unseren Blasti.)

"Irgendwie passiert immer das Gleiche", stellte ich fest.

"Was meinen Sie?", fragte mich Mr. M.

"Naja, zu Beginn sieht immer alles spitzenmäßig aus. Ich vertrage die Hormone einwandfrei, es bilden sich genügend Eibläschen, ich habe genug Eier, es lassen sich eine Menge befruchtet und entwickeln sich am Anfang auch weiter. Doch je näher wir dem Transfertag kommen, umso geringer ist die Auswahl. Und dieses Mal ist überhaupt nur einer übrig."

"Das kann eben passieren. Bis zum Blastozyst schaffen es fast nie alle. Und er ist ja nicht schlecht. Er ist eben klein und könnte besser sein."

"Ich gebe den Zwergen scheinbar zu viele Beamtengene mit auf den Weg. Alles immer schön langsam, auf keinen Fall stressen lassen", witzelte ich.

Mr. M lachte und meinte dann, dass wir dann eben auch einen Beamtentransfer machen würden.

Auch dieser Transfer war wieder ziemlich schmerzhaft für mich, da meine S-Kurve wieder das Ihrige dazu beitrug. Aber grundlegend war ich entspannter als beim ersten Mal. Da ich im Vorfeld angemerkt hatte, dass ich meine Gebärmutter nur mehr als Wohlfühloase visualisiere, legte mir die Schwester nach dem Transfer eine warme Decke über und beruhigende Musik kam aus dem CD-Player.

"Für die Wohlfühloase", grinste sie.


Nach diesem ca. 10-minütigem Entspannungszustand war der ganze Spuk auch bereits wieder vorbei, und Hasi und ich fuhren nach Hause. Kopfschwanger und glücklich.

Rückblickend bleibt nicht viel zu sagen, außer:

Versuch Nummer 2 brillierte im Großen und Ganzen durch keine besonderen Vorkommnisse. Ich war ganz einfach nicht schwanger.

Zwischendurch hätte ich zwar alles darauf verwettet es zu sein (anhand von mir wahrgenommenen eindeutigen körperlicher Symptomen), doch ich wurde wieder eines Besseren belehrt.

Der mittlerweile mikroskopisch kleine (ironische) Optimist in mir sagt:

„Immerhin ist eine Steigerungsstufe zu vermerken. Keine Bauchhöhlenschwangerschaft zu haben hat ja auch was Gutes.“

Der immer mehr überhand nehmende Pessimist in mir sagt:

„Schön langsam kann mich das Alles! Man steckt so viel positive Energie wie man nur auftreiben kann in die ganze Sache, man hält sich an jede noch so kleine Regel die einem auferlegt wird, raucht nichts, trinkt keinen Schluck Alkohol, hebt nichts Schweres, streichelt seinen Bauch, nimmt keine Vollbäder, geht nicht ins Solarium oder in die Sauna und dennoch. Wieder nichts. Was soll bei einem eventuellen dritten Versuch denn anders sein? Ich kann nicht mehr tun. Jetzt fehlt nur mehr eine gewaltige Portion Glück. Und die kann ich nicht herzaubern.“

Doch ich habe mich ziemlich schnell gefangen. Mir ging es innerhalb einiger Tage wieder gut. Hasi hat es auch schnell verarbeitet. Wir haben viel darüber gesprochen, viel Zeit miteinander verbracht und auch viel geweint. Das musste einfach raus. Wir fühlen uns jetzt noch mehr mit dem anderen verbunden als jemals zuvor. Und da er endlich über seine Gefühle spricht, ist es alleine deshalb schon ein Gewinn für mich, auch ohne Schwangerschaft.

Doch jeder in unserem näheren Umfeld wartet regelrecht nur mehr auf den großen Crash. Unseren Zusammenbruch. Und ich bin es leid, allen mitzuteilen, dass es mir gut geht. Jeder behandelt mich wie eine tickende Zeitbombe. Allzeit bereit zu explodieren. Und jetzt, wo es mir wirklich gut ging setzte etwas ein, das ich immer verhindern wollte. Es war mir so wichtig, dass ich nie so behandelt werde. Doch jetzt ist es da, unaufhaltsam breitete es sich aus: das leidige MITLEID.

Ich frage mich warum. Denn uns geht es wirklich gut. Und dennoch behandeln uns einige, als würden wir uns jederzeit mit lachenden Gesichtern von der Klippe stürzen wollen. Keine Freude am Leben mehr hätten. Schon die Blicke die wir in Anwesenheit von kleinen Kindern ernteten waren fürchterlich. Behandelt uns doch bitte ganz normal. Meine Güte. Wir sind zwar kinderlos, aber bei Gott nicht freudlos und schon gar nicht hirnlos. Ist denn das so schwierig zu verstehen? Wir sind entspannt und genießen unser Leben. Unser Leben ist auch ohne Kind lebenswert. Wir haben uns. Wir lieben uns. Ihr braucht uns nicht mit Mitleid zu überschütten.


Denn genau das hasse ich.

Ein neues Jahr – ein neues Glück?

Mein Jahresabschluss zu Silvester wurde genau so zelebriert, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich habe 2010 zwar nicht (wie geplant) aus meinem Gedächtnis gelöscht, sondern erstaunlicherweise sehr viel daraus mitgenommen (und ich spreche nicht nur von meinem vernarbten Bauch mit lauter kleinen Schnitten, auf dem ein jeder Malen-nach-Zahlen-Fanatiker seine liebe Freude gehabt hätte). Ich bin reifer geworden, habe viel über mich erfahren, festgestellt wie stark ich bin, meine Beziehung ist noch intensiver geworden und vor allem habe ich einiges über das Leben an sich gelernt. Ich zog die sprichwörtliche Moral aus dieser Geschichte. Und wenn es eine Moral gab, dann war es wohl die: nicht alles im Leben ist planbar.

So absurd es klingen mag, doch all das Erlebte hatte etwas Gutes. Wir entkamen diesem Druck. Wir haben (auf schmerzliche Art und Weise) gelernt, die Kontrolle abzugeben. Die Kontrolle abgeben zu müssen. Auszubrechen aus diesem Rad in das man sich selber presst, sich pressen lässt, ob man will oder nicht. Von Termin zu Termin zu hetzen, Wartezeiten zu überbrücken, zu hoffen und wieder enttäuscht zu werden. Rückblickend behaupte ich sogar, dass unser erster Versuch absolut keine richtigen Emotionen mehr zugelassen hat. Wir haben nur mehr funktioniert. Ich habe nur mehr funktioniert.

Vielleicht war einfach alles Zufall, vielleicht war es aber auch ein unbedingt notwendiger Schachzug des Schicksals. Je nach Interpretation.

Durch meine eigene gewonnene Kraft und Stärke, mutierte ich zur Ansprechperson vieler Kinderloser. Nicht dass ich diese Aufgabe nicht gern übernommen hätte. Mir war nur zu Beginn nicht bewusst, wie viele Schicksale und Geschichten sich in meinem persönlichen "Kinderlos-Universum" rings um mich abspielten. Meine Bekannten und Freunde schätzten meine offene, mit schwarzem Humor vollgepumpte Art mit diesem Thema umzugehen. So fiel es auch ihnen leichter mit mir umzugehen. Viele wussten anfänglich nicht wie sie mit mir sprechen sollten. Sollten sie mich versuchen aufzubauen, sollten sie mich bemitleiden oder sollten sie sogar den Kontakt zu mir reduzieren? Manche konnten sich nach eigener Aussage nicht einmal zu einem Telefonat durchringen, aus Angst vor meinem seelischen Befinden.

Und als sie dann merkten, dass ich nicht den Kopf in den Sand steckte und ganz locker mit diesem Thema umging, waren sie alle erleichtert. Und mit der Erleichterung kam eben bei Einigen unwiderruflich der Drang sich zu offenbaren. Sich mir zu offenbaren.

"Woher nimmst du die Kraft?"

"Wie geht es dir in dieser Situation?"

"Wie verarbeitest du das?"

"Was würdest du tun?"

Solche Fragen kamen des Öfteren. Aber vor allem wollten sie darüber sprechen. Es war weniger das "wissen wollen" sondern mehr das "endlich einmal mit einer Gleichgesinnten sprechen". Mir ging es ja nicht anders. Für mich war meine Offenheit diesem Thema gegenüber - sei es das Schreiben oder das offen Aussprechen - meine Therapie. Und ich verstand diejenigen, die mir jetzt ihr Herz ausschütteten. Ich verstand sie nur zu gut. Es interessierte ja auch mich wie es Anderen ging. Ganz unterschiedliche Menschen, ganz unterschiedliche "Krankheitsbilder", ganz unterschiedliche Familienverhältnisse, ganz unterschiedliche partnerschaftliche Unterstützung oder auch ganz unterschiedliche Meinungen über künstliche Befruchtung im Allgemeinen. Nicht alle kinderlosen Paare in meiner Umgebung waren auch gewillt eine künstliche Befruchtung in Betracht zu ziehen. Manche waren absolut gegen diese Möglichkeit, trotz riesigem Kinderwunsch. Ich respektierte alle Meinungen, aber verstanden habe ich nicht alle. Ich wollte auch keinen bekehren. Immerhin hatte ich mit meinen bisherigen Erfahrungen jetzt nicht unbedingt starke, aussagekräftige PRO-Künstliche-Befruchtungs-Argumente in petto. Meine Geschichte war zwar nicht die typische "ein Fall wie aus dem Leben gegriffen"-Variante, aber dennoch möglich. Und gute Tipps oder Vorschläge einzubringen stand mir sowieso nicht zu. Also ließ ich das mal schön bleiben.

...dann setzte ich noch gewaltig einen drauf

Am Sonntag, zwei Tage nach Verabreichung von Methotrexat, hatte ich bereits am Morgen leichte Unterleibsschmerzen. Deswegen machte ich mich wieder einmal im Internet über dieses Medikament schlau. Ziemlich schnell war meine Besorgnis über Bord geworfen, denn genau meine Empfindungen wurden als Nebenwirkungen beschrieben und waren für mich aufgrund der Erklärung auch plausibel. Immerhin wurden die restlichen Zellen sozusagen durch einen Bluterguss abgekapselt bevor sie "abtransportiert" wurden. Für mich als Laie reichte das voll und ganz aus. Somit konnten wir (Hasi und meine Schwiegermutter) getrost zu Mittag in unsere Stammpizzeria fahren.

Ich hatte immer noch leichte Schmerzen, aber die waren erträglich. Als ich meine Lieblingspizza vor mir auf dem Tisch stehen hatte, garnierte ich sie in gewohnter Manier mit Chili und Knoblauch in rauen Mengen und ließ sie mir schmecken.

Den darauf folgenden Schweißausbruch schob ich noch auf meine doch etwas zu gut gemeinte Extrabeilage. Als die Schmerzen dann aber unerträglich wurden, das Atmen schwer fiel und ich Hasi gegenüber doppelt sah, war mir klar: das lag nicht an der Schärfe. Ich konnte kaum noch sitzen, mir war schwindelig, ich schwitzte. Kurz: es ging mir beschissen. Ich wollte nach Hause. So schnell wie irgend möglich wollte ich mir eine (oder fünf) Schmerztablette(n) einwerfen und mich hinlegen. Aufstehen war schier unmöglich und so trugen mich der Pizzeriabesitzer und Hasi direkt zum Auto und ich wurde trotz meiner Einwände nicht nach Hause, sondern in die Klinik gebracht. Schumi hätte angesichts Hasi´s Bleifuss einpacken können. Was mir nur recht war, denn zu diesem Zeitpunkt saß ich mit geschlossenen Augen im Auto und hatte kein Gefühl mehr in meinen Armen und Beinen. Das Einzige das ich wahrnahm (und das versetzte mich in Panik) war das Pumpen von Blut in meinen Bauchraum. Was sich im Nachhinein als richtig erwies. Die geschlossenen Augen waren ein Selbstschutz, denn ich wollte gar nicht wissen wo wir uns auf dem Weg in die Klinik erst befanden. Ehrlich gesagt glaubte ich nicht daran, rechtzeitig dort anzukommen. Meine Schmerzen waren bestialisch.

Irgendwann kamen wir doch ans Ziel, wo zufällig zwei Rettungssanitäter vorm Eingang standen, die mich dann mit dem Rollstuhl hineinbrachten. Dann ging alles recht schnell. Kurze Untersuchung (ich brauche wohl nicht erwähnen wie schmerzhaft diese Ultraschalluntersuchung in meinem Zustand war) und fertig ausgezogen wurde ich erst im OP. Mein Gott: mein Leben ohne Tragik wäre wohl wie Ernie ohne Bert oder Thelma ohne Louise. Undenkbar!

"Glück gehabt", war mein erster Gedanke als ich aufwachte.

Was war passiert? Das Medikament hat die Überbleibsel derart vergrößert, dass mir fast der Eileiter geplatzt wäre und im Bauchraum war tatsächlich bereits Blut (ich hatte mich also nicht getäuscht). Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie derartige Schmerzen. Nein. Definitiv noch nie.

Es dauerte Tage bis sich Hasi aus seinem Schockzustand erholt hatte. Stündliche Anrufe von ihm und meiner Mutter standen (verständlicherweise) an der Tagesordnung.

"Wie geht es dir?"

"Gut danke."

"Das hast du letztens auch gesagt!"

"Was möchtest du denn hören?"

"Dass es dir gut geht."

"Mir geht es gut."

Ich musste sogar telefonisch ankündigen wann ich duschen ging, denn wenn genau in dieser Zeit jemand angerufen hätte und ich nicht abgehoben hätte...Katastrophe! Aber ehrlich gesagt hatte ich selbst auch gelegentlich ein flaues Gefühl im Magen. Das band ich aber niemandem auf die Nase. Das war mein kleines Geheimnis. Die Starke hatte Schiss. Nein, das durfte niemand wissen.

Liebes 2010-Jahr.  

Jetzt reicht es aber wirklich mal. Mein Ego ist ja bereits zerbröselt. Du musst nicht auch noch Feinstaub daraus machen.

Beste Grüße

Snoopy und andere Peinlichkeiten

Es wurde echt langweilig. "Und täglich grüßt das Murmeltier" kam mir grob abwechslungsreich vor gegen meinen momentanen Tagesrhythmus. Wieder in die Klinik. Wieder zur Aufnahme. Wieder ein kleines Späßchen über mein fast schon tägliches Erscheinen. Wieder warten. Der einzige Unterschied war, dass die Schwestern offenbar bereits Mitleid mit mir hatten und sich die Wartezeit dadurch drastisch verkürzte. Mein persönlicher Mitleidsbonus wenn man so will. Nein, einen Unterschied gab es noch: dieses Mal musste ich nichts abgeben sondern bekam zur Abwechslung mal Etwas. Nämlich mein Methotrexat.

Ich wurde also relativ schnell in einen der Behandlungsräume gerufen und stülpte mir augenblicklich meinen Pulloverärmel nach oben. Dieses Ritual kannte ich ja bereits. Und dann wurde es so richtig schön peinlich.

Ein Assistenzarzt der ganz feinen Sorte betrat das Behandlungszimmer. Oh mein Gott. Optisch ein klassischer Tagesverbesserer. Er für mich. Unter Garantie nicht ich für ihn, denn ich sah aus wie durchgekaut und ausgekotzt. Immer noch einen aufgeblähter Bauch vor mir her schleppend, eine Trainingshose mit ausgedehntem Gummizug, Pickel, Ringe unter den Augen etc. Ja was soll´s. Ich war eben nicht in Bestform. Egal. Der war sicherlich einiges gewohnt.

"Nein. Nicht in den Arm", murmelte der schokobraune Assistenzarzt beim Anblick meines freigemachten Unterarms.

"Hä?"

"Nicht in den Arm. Legen sie sich bitte hier auf den Bauch und machen sie ihren Po frei."

Ach du scheiße. Das fehlte jetzt noch.

Ausgerechnet heute morgen hatte ich mich todesmutig für einen jener Slips entschieden, der jede Dessousverkäuferin in den Freitod getrieben hätte. Snoopy blickte ziemlich ausgewaschen und gleichermaßen ausgeleiert von meinem viel zu großen (aber gemütlichen) Blähbauchslip. Ich grinste also ziemlich dumm, legte mich hin und ließ alles mit hochrotem Kopf über mich ergehen. Dann wollte er noch meine Narben begutachten (die auch keinen Schönheitswettbewerb gewinnen konnten) und Fäden entfernen. Irgendwann hatte ich meinen peinlichen Auftritt dann hinter mich gebracht und versuchte die Stimmung mit einem kleinen Scherzchen etwas angenehmer und nicht ganz so frustrierend zu gestalten.

"Ich hoffe wir sehen uns heuer nicht mehr, also frohe Weihnachten und einen guten Rutsch", sagte ich Mitte November und ging automatisch davon aus, dass dieser hübsche junge Mann meinen Seitenhieb auf die ständigen und immer wiederkehrenden Krankenhausbesuche meinerseits verstanden hätte.

Doch er starrte mich nur an.

Na gut. Dann eben nicht. Hauptsache raus hier. Den  angeordneten Bluttest in einigen Tagen brauche ich wohl nicht extra erwähnen, der versteht sich von selbst. Ich hatte es überstanden. Mein Körper würde die überschüssigen Zellen in meinem Eileiter dank dieses Medikamentes ausstoßen und ich konnte endlich an ein Ende dieses Martyriums denken.

Dachte ich. Denn....